Dienstag, 21. Juni 2022

Tag 76: Finales Ankommen zum Ablegen

 Langenrain - Konstanz
(20,7 km - 190 Hm auf - 330 Hm ab)

Ohne Frühstück starte ich am frühen Morgen in den letzten Tag auf dem E1 durch Deutschland.

Ich hatte mir zwar Verpflegung an einem Supermarkt am Vortag besorgt, aber irgendwie habe ich keinen Hunger, sondern der Kakao genügt.

Die Würstchen werden letztlich Wochen später im Höhentrainingslager an die hungrige Meute verfüttert werden. Immerhin, der Kontext paßt: Wird dort doch mein erster Bildervortrag über diese Tour dort stattgefunden haben...

So geht es durch den ruhigen Wald, wo um diese Zeit am Donnerstag vor Pfingsten maximal ein paar Menschen beim Gassigehen unterwegs sind.

Dann begegnet mir aber doch noch eine Lichtgestalt: Mo.

Ich spreche sie ob ihres Rucksacks an und dann schließt sich ein (ganz großer) Kreis: Habe ich heute meinen letzten Wandertag durch Deutschland auf dem E1, so hat sie ihren ersten (vollen).

Sie geht den E1 nämlich in die Gegenrichtung gen Flensburg.

Und ob Ihr es glaubt oder nicht: In diesem Rucksäckchen sind sogar Zelt und Schlafsack.

Nach kurzer Unterhaltung habe ich keine Zweifel an ihrem Projekt, ist sie doch vor Jahren (mit menschlicher und hündischer Begleitung) bereits mal von Deutschlands südlichstem Punkt (Grenzstein 147 am Haldenwanger Eck) zum nördlichsten (Ellenbogen auf Sylt) gewandert.

Theoretisch müßte ich jene Route (allerdings wieder von Nord nach Süd) quasi auch kennen (Stichwort: Deutschland-Tour), allerdings ist Fahrrad-Fahren ja nicht so meines, weswegen ich da vor GENAU 10 Jahren einen etwas anderen (alpinen) Ansatz (mit vollem Material-Einsatz) gewählt hatte: Log

Gut gelaunt geht es aus dem Wald und über eine Anhöhe, wo man mal mehr vom Bodensee sieht.

Der Weg durch die Marienschlucht ist ja seit Jahren gesperrt, aber auch die Alternative ist ok.

Nach freien Flächen geht es kurz vor Konstanz nochmal durch den Wald, bevor man im Bereich der Universität endgültig ins städtische Gebiet kommt.

Über bekannte Wege nähere ich mich dem finalen Zielgebiet.

Am 02. Juni 2022 stehe ich dann somit fast genau 50 Jahre nach der feierlichen Eröffnung (02. Juli 1972) des europäischen Fernwanderwegnetzes an der Kreuzung des E1 und des E5 in Konstanz an der Bronze-Tafel, die daran erinnert.

In Anlehnung an ein Ziel-Foto aus dem Wanderführer lichte ich auch meinen rückwärtigen Begleiter unweit ab:

Die Imperia (und ihr Lotterleben) sind mir von früher her noch bekannt, weswegen ich dort diesmal nicht so lange verweile.

Ein Stück weiter geht es für mich noch bis zur Schweizer Grenze (und damit ist nicht nur Flensburg - Konstanz beschritten, sondern Deutschland KOMPLETT der Länge nach von Dänemark bis in die Schweiz) - also genauer gesagt erstmal darüber hinaus, da der (unscheinbare) Grenzstein auch hier erst nach längerer Suche zu finden ist.

Und allen oberbayerischen Unkenrufen zum Trotz: Drei Wochen und den kompletten Schwarzwald und das Hegau hindurch hat das Patch-Pflaster allen Wiedrigkeiten getrotzt.

Da ist das legendäre Drei-Wetter-Taft aus den 80ern ja (fast) nichts dagegen:

Ich gönne mir noch ein italienisches Mittagessen und dann paßt es zeitlich auch, sich umgezogen mal gen Busbahnhof aufzumachen.

Mit dem Flixbus geht es dann (huckepack auf der Schnellfähre) quer über den See (nach Meersburg) und via München gen fränkische Heimat.


Mit Fußball habe ich seit meiner Jugend eigentlich nicht mehr all zu viel zu tun (meine Knie ruiniere ich mir jetzt höchstens selbst beim Bergab-Gehen), aber ein wenig kurios waren die Parallelen in diesem Jahr schon:

Der Oster-Abschnitt 2022 begann am Tag nach der rauschenden Nacht der Frankfurter Eintracht im Europapokal-Halbfinale in Barcelona. Der Pfingst-Abschnitt genau am Tag nach dem Final-Sieg.

Schließen wir diesen Blog nach 

  • knapp 80 Wander-Tagen (in denen man laut Jules Verne um die Welt reisen oder nach Sepp/Charisma rund um München kommen kann)
  • gut 1.800 Kilometern zu Fuß durch Deutschland
  • und ca. 35.000 Höhenmetern im Aufstieg (und etwas weniger Abstieg)

also mit ein paar Weisheiten frei nach dem legendären Sepp Herberger:
  • nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub
  • nach der Wanderung ist vor der Wanderung
  • der nächste Gipfel/Übergang ist immer der schwierigste
  • der Rucksack ist schwer und ein Wandertag dauert bis zum Ende
  • die Alpen sind deshalb spannend, weil niemand weiß, wie die Wanderung ausGEHT

Und somit geht es die Tage auf die L2-Route von Verona in Richtung Salzburg über die Alpen...


Begegnungen:

- 1 Hase

- Mo, Fernwanderin mit Zelt auf dem Weg gen Flensburg

- 3 Libellen

- 1 Milan

Montag, 6. Juni 2022

Tag 75: Point of no Return

Singen - Langenrain
(26,0 km - 640 Hm auf - 480 Hm ab)

Vorletzte Etappe auf dem E1 durch Deutschland: Am Anfang spare ich mir heute ein paar Meter gen Osten durch die Stadt, die ich gestern bereits auf Basis der geschickten Quartierwahl absolviert hatte, was meine heute etwas verlängerte Etappe zu Anfang gleich mal verkürzt.

Das Stadtgebiet von Singen am Hohentwiel wird bereits nach wenigen Minuten an einem Sportplatz und einer Schrebergartensiedlung vorbei in den Wald verlassen.

Im Hegau dominieren ja längst Mischwälder im Vergleich zum doch nadellastigeren (Hoch-)Schwarzwald.

Bei einem kleinen technischen Halt zum Abwurf unnötigen Flüssigballasts überholen mich ein jüngerer Mann und eine ältere Dame, die mich wenig später aber wieder passieren lassen.

Das Wetter ist wie in den letzten Tagen: Sonne mit Wolken und tendentiell morgens besser als am (späten) Nachmittag.

Unter der autobahnartig ausgebauten B33, die von der A81 bei Singen auf die Bodensee-Halbinsel von Konstanz führt, geht es hindurch und auf der Nordost-Seite stellt sich erstmal die entscheidende Frage: Wie weiter ?

Link erscheint sinnlos, geradeaus oder rechts möglich bis sinnvoll.

Markierungen habe ich keine gesehen. Auch auf den zweiten Blick nicht.

Aber ein Blick auf's GPS zeigt eindeutig nach rechts, also dort weiter.

Als ich später am Waldrand entlang gehe und gen Nordwesten über das große Feld blicke, sehe ich in der Ferne zwei Gestalten parallel zu mir den Geradeaus-Weg nehmend. Nun, die beiden anderen Wanderer hatten wohl kein GPS zur Hand und - wie später festzustellen gewesen sein wird - auch keine Markierung gefunden und deshalb auch ordentlich geflucht.

Selbst einwachsende oder eingewachsene Wegweiser oder Markierungen sind ja besser als nichts:

Manchmal sind aber auch deutliche Zeichen mehr Schein als Sein:

Von wegen Alpenblick ! - Da bin ich extra Schauen gegangen, aber außer Spesen nichts gewesen :-(

Muß ich demnächst wohl mal persönlich nach dem Rechten schauen in diesen jenen Alpen !

Am Ortsausgang von Steißlingen erreiche ich dann den "Point of no Return" des E1-Weges durch Deutschland:

Wenn man hier vorbei geht, gibt es wohl kein zurück mehr, den U-Turns sind schlicht verboten.

Ich gehe kurz in mich, aber dann ist meine (überraschend) schnelle Entscheidung klar: Klar, entscheidend schnell weiter gen Konstanz. Wer will JETZT schon noch zurück nach Flensburg ?

Wobei nett wäre es natürlich schon, nochmal 9-10 Wochen durch die Lande zu spazieren.

Aber ok, vielleicht finden sich dafür die Tage ja noch andere Möglichkeiten. Den E1 kenne ich ja mittlerweile, aber vielleicht haben auch andere Väter hübsche Töchter. Behalten wir doch mal gemeinsam im Hinterkopf, daß man Buchstaben und Ziffern auch vielfältig zur Vielfalt permutieren kann, wobei K2 natürlich bereits weg fällt und 02K nicht mehr ganz ins Beuteschema paßt. Aber das nur nebenbei und zur allgemeinen Belustigung - oder so ähnlich ;-)

An der Ruine Homburg wagt sich der Esel nicht auf's Eis aber erneut in der Weite in die Höhe, wobei diesmal das weniger an Höhe für weniger Bauchkrummeln als das mehr an morsch an den Holzstufen sorgt.

Der Anfang vom Ende des Abstiegs ist dann genau wie im Wanderführer beschrieben (= angedroht):"[..] wäre da nicht der wenig gepflegte Abstieg von der Ruine Homburg: Der verwachsene Steig ist nach Niederschlägen [gab es reichlich am Vorabend] unangenehm zu begehen."

Grüne Hölle und Matsch kann ich nur bestätigen:

Etwas später, dann ein weiterer kritischer Punkt auf der heutigen Etappe: Eine im wahrsten Sinne des Wortes hohle Gasse, die allerdings in der Breite eher weniger hohl ist und deswegen weder an umdrehen noch gar an Gegenverkehr zu denken ist (Stichwort: Hinterteil schert aus):

Gott sei Dank ist der Abschnitt schnurgerade und das Ende auch ohne Brille gerade noch am Horizont zur erahnen. Also ein Mal laut Hupen und dann mit Vollgas in die langgezogene Engstelle, in der es dann nur empörtes akkustisches Feedback von der Gegenseite gibt: Ein Schaf alleine ? - Wer macht denn sowas ? - Es weiß doch jedes (Island-)Kind, daß man Schafe analog zu Nürnberger Bratwürsten IMMER in positiv ganzzahligen Vielfachen von drei halten sollte - wobei drei Schäfchen kaum in ein "Weckla" passen dürften - an dieser Stelle hinkt der tierische Vergleich denn doch etwas.

Merke: Abbruzzenhammel oder Lammkeule sind da ggf. kulinarisch die naheliegenderen Optionen.

Warum ich gerade nur ans Essen denke ? - Nun, das war eine der für heute und morgen noch zu lösenden Aufgabenstellungen, wie wir später schon noch sehen werden...

Zuerst geht es aber noch an der Schwedenschanze vorbei, wobei wir hier natürlich nicht von jener im bayerisch-hessischen Grenzgebiet sprechen (Link), aber auf ein kleines Schanzenwerk, welches ebenfalls im 30-jährigen Krieg entstand:

Just als ich mir am anderen Ende des Waldes bei Güttingen Gedanke mache, wie man ausgerechnet (legal) falsch herum in die Einbahnstraße fahrenden Traktoren als mehrspuriger (nicht mit großspurig zu verwechseln !) Verkehrsteilnehmer auf dem schmalspurigen Sträßchen ausweichen würde, biege ich denn doch lieber einfach rechts vom Weg ab.

Nicht, daß ich müßte, aber können tue ich schon: Abstecher zum Einkaufen in Form von Proviant für den nächsten Morgen (aus Gründen habe ich nämlich explizit ein Zimmer mit ohne Frühstück gebucht - bevor sich Bekannte jetzt die Frage stellen, ob der Wanderer krank und/oder fiebrig sei: Nein, nichts dergleichen, sondern ein voll mafiöser Plan).

Nach einer ausgiebigen Mittagspause quere ich Güttlingen gen Osten, um wieder auf den eigentlichen E1-Weg zurück zu kommen und wer biegt da just vor mir um's Eck: Die beiden von heute Morgen, die ich dann kurz danach einhole:

Es sind Eva und Bastian, wobei er seine Tiroler Herkunft sprachlich nicht verleugnen kann ;-)

Wir gehen eine Weile bis nach Möggingen (wo wir zu dritt mangels Markierung mal vom Weg abkommen) und weiter zum Mindelsee (grünes Wasser ob des Moores) zusammen und stellen fest, daß wir die ganzen letzten Tage parallel unterwegs (die beiden gehen den Querweg ab der Heimat von Eva, nur 10 km vom Feldberg entfernt) und meist in denselben Quartieren abgestiegen, uns bisher tagsüber aber noch nie begegnet waren.

Am Mindelsee legen die beiden noch eine Pause ein und ich gehe wieder alleine weiter, was sich letztlich wettertechnisch als kleiner aber entscheidender Vorteil herausstellen wird: Ich werde nämlich aus der heißen Dusch gekommen sein, wenn sie gerade durch den (kalten) Regen die letzten Meter zu ihrem Quartier vis-à-vis zurücklegen.

Die Tropfen, die mich auf dem letzten Kilometer von oben erreichen, ignoriere ich nämlich erneut: Da habe ich in den letzten Tagen ja schon einiges an Übung damit gesammelt.

Aber warum überhaupt noch letzte Kilometer NACH dem eigentlich Etappenziel Möggingen laut Rother-Wanderführer ?

Nun, wie schrieb quasi mein Lieblings-Autor der Jahre 2020-2022 (keine anderen Bücher habe ich in dieser Zeit häufiger zur Hand genommen): Langenrain wäre für die Etappenaufteilung sehr gut gelegen, [..] allerdings finden sich in der näheren Umgebung weder Einkaufs- noch Einkehrmöglichkeiten."

Wo ein Pate, da eine (organisatorische) Lösung, womit wir bei meiner 10. planmäßigen Begegnung auf meinem Spaziergang durch Deutschland mit netten Menschen von früher wären: Die ursprünglich fränkische, nun bereits langjährige badische Barbara vom Bodensee ("B.B.") hatte ja als einer der ersten 2020 angemeldet, daß eine Anmeldung für ein potentielles Treffen bei geographischem Vorbeikommen als obligatorisch anzusehen sei und da ich ja (fast) immer mache, was man/Frau mir sagt und im Zuge meiner temporalen Optimierungen nun auch eine Kompatibilität zum Familienurlaub hergestellt war, freue ich mich auf das avisierte ein Privat-Taxi ("Irgendwann, möglicherweise aber auch nie, werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen.") zum/vom gemeinsamen Abendessen.

Auch wenn die Bodensee-Halbinsel Bodanrück aus dem Blickwinkel von Mittelfranken, sich quasi standpunktmäßiger Relativität wie Sizilien zu Stein in Südtirol verhält, habe ich dennoch kaum Angst, obwohl in Sizilien Frauen sprichwörtlich gefährlicher als Schießeisen sein sollen, wie jedes (Paten-)Kind weiß.

Das letzte Mal hatten wir uns gesehen, als ich zufällig vor ein paar (mehr) Tagen mal geschäftlich in der Gegend war. Damals war sie hochschwanger. Nun kommt Kilian im Herbst in die Schule. 

Wie die Zeit vergeht...

Quasi kaum in Flensburg gestartet, hat man schon den Bodensee vor Augen.

Das Gästehaus Bodanrück in Langenrain ist echt nett und besonders gefallen hat mir die Form von Stühlen (nicht an, sondern in der Wand), die optimale Stockablage erlauben.

Meine gute, tiefen-entspannte Laune wird dann noch durch eine kurze (aber prägnante) Kurznachricht der promovierten Taxifahrerin zusätzlich gesteigert, die sich am ehesten mit "Lucky Bastard" wiedergeben ließe: Der Regen traf sie wohl ohne Schutzblech-Vorkehrung und vor dem nach Hause Radeln - darf ich mich doch von und zu schreiben, daß sie später die Familienkutsche ausnahmsweise mit dem einschlägigen zum einschlägigen Italiener am Gnadensee (nomen est omen ?) bewegen wird.

Ja, der letzte Abend hat echt Stil (auch wenn es mit dem italienischen Eis zum Abschluß zu fortgeschrittener Stunde nicht mehr klappt) und ich bin mir auch nach all den Jahren weiterhin noch nicht sicher, ob sie nicht auch mal an einer Doktorarbeit über Zitate aus "Der Pate" gearbeitet hat, so firm wie sie da immer war und auch noch ist ;-)

Danke für den tollen Abend und einen schönen Urlaub, Frau Professor !


Begegnungen:

- Querweg-Weitwanderer Eva (geb. Linzerin) aus dem Schwarzwald (10 km vom Feldberg wohnend) + Bastian (geb. Innsbrucker) aus Salzburg

- 1 Milan

- 1 Eichelhäher

- 1 große Libelle

- 1 Kuckuck (zumindest akustisch unüberhörbar und hartnäckig im letzten Wald vor Langenrain)

- 1 Milan

- Barbara (HypatiaCurie)


Dienstag, 31. Mai 2022

Tag 74: Ein ruinöser Wettbewerb

Engen - Singen
(23,5 km - 760 Hm auf - 780 Hm ab)

Beim Frühstück war der zweite Gast noch nicht gesprächig, aber als wir uns beim Verlassen des Domizils nochmal über den Weg laufen, erzählt der nachträglich und kurzfristig am Vorabend noch Eingelaufene von seiner Tour aus der Heimat Offenburg über den Schwarzwald zum Bodensee.

Eigentlich würde er ja gerne bis nach Südtirol, aber wegen Arthrose riet im der Orthopäde ab. Allerdings passen die Symptome wohl gar nicht zu Arthrose - also vielleicht eher von diesem Orthopäden statt von Südtirol abraten ?

Unsere Wege trennen sich allerdings gleich wieder, denn er muß erst noch in die Stadt Einkaufen gehen, ich dagegen widme mich bereits kurz hinter dem Nachbarort Anselfingen der heutigen Tagesaufgabe: Vulkanhügel erklimmen:

Die sind teilweise garstig steil und als ob das nicht schon genug wäre, lasse ich mir den Umweg zum Gipfelplateau nicht nehmen, wo dann auch noch eine Treppe auf das Haupt des höchsten Ruinenrestes führt:

Holla, die Waldfee: Als ich mit zittrigen Beinen das Aussichtsplateau erreiche, halte ich mich mal lieber am Schwerpunkt auf, der über Mauern und nicht in der Luft hängt.

Aber was heißt MAUERN. Das kommt einem hier eher vor wie in der DDR-Nationalhymne: "Auferstanden aus Ruinen."

Und wie das mit der DDR endete und wie (wenig) stabil da so einiges war, weiß man ja.

Und mir wird das just da OBEN klar. Glasklar.

Himmel, A.... und Zwirn, was hat mich nur da hoch gebracht. Nichts wie runter und hoffen, daß auf der Schmalstspur-Wendeltreppe kein Gegenverkehr kommt (in Pforzheim hätte ich da BMI-technisch vielleicht noch gar nicht reingepaßt).

Vorher runter gucken, ob jemand kommt ? - Bin ich lebensmüde.

Vorher runter rufen, daß niemand kommt ? - Als ob ich noch sprechen könnte.

Es geht - überraschenderweise - alles gut...

Überlebt habend folgt der Abstieg vom eigentlich optionalen Abzweig zum Gipfel. 

Im weiteren Verlauf haben die Weggestalter weitere Hindernisse in gehäufter Form von vorsätzlichen Nadelöhr-Engstellen platziert:

Möglicherweise um Mountain-Bikern das Leben zu erschweren.

Ich stelle jedenfalls fest, daß egal, wie man den Kerl mit seinem Rucksack gerade dreht und wendet, er augenscheinlich so breit wie tief ist, aber gerade so durchkommt - im Unterschied zu so mancher Kuh-Verbauung in den Alpen.

Ein lustig verzauberndes Eselchen finde ich dann rückblickend auch noch am Weg: 

In Welschingen dann den definitiv häßlichsten Brunnen von ganz Deutschland:

Ist das Kunst oder kann das weg ?

Also ich und alle meine Alter-Egos an gespaltenen Persönlichkeiten wären ja definitiv einstimmig für letzteres.

Und schon geht es den nächsten Vulkankegel zu: 

Wobei eigentlich zweigt die Weg-Beschilderung rechts ab. Sowohl der Track der österreichischen Wanderführer-Autoren als auch die digitale E1-Variante führt geradeaus.

Mmmh, was tun ?

Mit einem Schlaufon kann ich zwar wenig bis nichts anfangen, aber mit meinem GPS komme ich schon gut aus, so daß mit der Digitalisierung beim Informatiker zwar Hopfen und Malz verloren ist (Bier ? Igitt !), aber beim Stand von 2:1 ich mich doch für geradeaus entscheide.

Nur ergibt dann die Wegführung in Weiterdingen noch weniger Sinn. Und zwar weder die Schleife über den Hohenstoffeln (also eher 3/4 hoch und daran entlang), noch die im Führer beschriebene Schlechtwetter-Geradeaus-Variante.

Ich optimiere das bei 25 Grad Temperatur um einen Winkel von -60 Grad und harre nach Weiterdingen weiteren Dingen, die sich bei stürmischen Böen und dunklen Verfärbungen am Himmel so langsam abzeichnen.

Zuerst heißt es aber im Zick-zack hoch auf den Sickerberg zum Hegaukreuz:  

Der Anstieg oder das hohe Gras sind nicht das Problem, wohl dabei allerdings kleine fiese schwarze Mückchen, die es auf Augen, Ohren, Nase und Mund abgesehen haben.

Sind das die, die mir damals für Nord-Norwegen zu "Nothing but stones" versprochen worden waren, dort aber nie aufgetaucht sind ? - Nein, sie beißen zumindest nicht, wobei ich auch keine Lust habe auf sie zu beißen. Schlucken ist auch keine Option.

Als nächstes wird die Ruine Mägdeberg passiert und es geht auf die Hohenkrähen zu, wobei nun leichter Regen einsetzt.

Ich setze mal wieder auf Ignorieren. Das kann ich manchmal ganz gut, munkelt man. Heute bis zum Ende, denn der meiste Regen wird erst gekommen sein, nachdem ich längst das Quartier erreicht habe.

In der Ferne deutet sich schon seit einiger Zeit die bekannteste Ruine der Gegend an: Die Hohentwiel.

Vor ein paar Jahren war ich da mal mit Fräulein A. und den anderen Erlanger Damen zum Sightseeing, bevor wir dann in der Gegend um Zuffenhausen ganz toll Torte essen waren - ich bin ja nicht so der süße/Torten-Typ, aber das war echt der Knaller, ist mir bis heute in Erinnerung und wird in Singen zumindest zu einem Stück Käse-Sahne-Torte kurz vor dem Hotel führen - wie sich im Nachhinein wird feststellen lassen :-)

Zuerst aber auch hier nur auf Höhe des Besucherzentrums tangierend vorbei:

Kleines Gedanken-Experiment:

So eine vergleichende Bewertung von Ruinen ist schon wirklich Teufelszeug: Ist eine Burg/ein Schloß in Ordnung, führt das automatisch mangels Morbidität zur Disqualifikation.

Klaut man allerdings zu viele Steine, bleibt auch nicht mehr viel vom ruinierten Stolz. 

Fallen die Steine wie an der Hohentwiel ggf. einem auf den Kopf, dann mußt Du plötzlich jede Menge Wege sperren und anfangen Ruine und Felsen zu "reparieren", was auch wieder einen Haufen Geld kostet, nur um den optimalen Zustand von Deffektheit wieder herzustellen.

Ein ruinöser Wettbewerb diese Ruinensache, muß man konstatieren.

Am Gasthaus vorbei führt eine versteckte, den Österreichern augenscheinlich verborgen gebliebene Treppe auf den geteerten Fußweg ins Tal.

Durch Singen orientiere ich mich an Grünanlagen und Fluß.

Anschließend geht es direkt gen Osten, wobei mir nicht nur an den Ampeln, spezielle, närrische Gestalten auffallen:

Ah, und ans Höhentrainingslager in zwei Wochen in Südtirol werde ich auch noch erinnert: 

Nicht mal mehr 50 Kilometer bis Konstanz...

Und morgen - am letzten vollen Wandertag - stehen noch zwei geplante Begegnungen auf dem Programm, auf die ich mich quasi schon so lange wie Deutschland freue:

1. Eine dahergelaufene Immobilie (rot-weiß-rot), die (mindestens) einen Vogel hat.

2. Eine akademische Mobilie (rot-weiß, in Rechenform), die mit Gnade und See rechnen kann.


Begegnungen:

- Offenburg-Bodensee-Weitwanderer beim Frühstück (still) und beim Gehen (gesprächig)

- 1 riesige Libelle

- 1 Milan

- 1 Kleiber

- 2 Milane

- 1 ängstliche Katze am Feldrand

- 1 Falke

- 3 Herren aus Leverkusen, wovon einer vor Jahrzehnten mit dem 12-jährigen Sohn per Rad bis Schaffhausen am Rhein entlang radelte


Tag 73: Die Letzten werden die Ersten sein

 Blumberg - Engen
(28,2 km - 610 Hm auf - 720 Hm ab)

Als ich am Vortag kurz nach 15:00 Uhr im Gasthof Hirschen in Blumberg angekommen war, erhielten meine Wanderschuhe (ob des Teppichbodens in den oberen Etagen) genaue Anweisungen, wo sie sich aufzuhalten hätten.

Einsam und alleine wurden sie unter einer Bank am Hintereingang deponiert. Aber gut, daß ich mir (im Gegensatz zu dem umherirrenden Paar vom Vorabend) den genauen Parkplatz gemerkt hatte, denke ich mir abends als ich die Masse an Schuhen all der Gäste bestaune: Da ist kein Plätzchen mehr frei.

Am Morgen dann ein gutes Frühstück mit ganz viel frischen Erdbeeren, die ich mit Klecksen von Joghurt vermenge - aber um Himmels Willen, komme mir nur keiner mit fertigem Erdbeer-Joghurt, -Eis, -Marmelade oder dergleichen ekligen Dingen.

Gut Ding will Weile haben und so lassen meine Wanderschuhe mich zwischenzeitlich wohl schon ausrufen, weil sie Panik schieben, vergessen und nicht abgeholt worden zu sein. Aber ich bin noch auf der 17.

So wie sie die ersten waren, sind sie nun einsam wieder die letzten.

Aber auf Los geht's los und nicht mal mehr 100 Kilometer bis zum großen See...

Zuerst geht es heute knapp 200 Höhenmeter über nette Pfade ab dem Ortsrand von Blumberg auf den Buchberg, den Hausberg, von wo man eine tolle Aussicht gen Nordwesten hat, wo ich die Tage herkam.

Den Schlechtwetter-Weg (von dem ich diesmal bereits zuvor im Wanderführer gelesen hatte) ist heute kein Thema, ob des bombigen Wetters.

Sonst hätte man direkt vom Ort in einem Kilometer die Ottilienhöhe erreichen können (und sich etliche Höhenmeter sparen).

Mitten im Wald sind ein extrem schwarzes Eichhörnchen und ich genauso überraschend vom Aufeinandertreffen voneinander erstaunt, daß alle Beteiligten einen ordentlichen Satz vor Schreck machen: Ich körperlich nach links und verbal gerade raus, das posierliche Tierchen um den Stamm des Baums rechts des Weges und vertikal nach oben. - Wobei es noch mehrfach unverschämt verschämt um den Stamm herum lugt und auf mich herabschaut, bevor es in der Krone verschwindet.

Lustigerweise findet sich ein analoges Schild zu dem auf der Otillienhöhe auch am westlichen Ende des Waldes, wo man wohl auch direkt aus Blumberg mit einem Kilometer Wegstrecke hätte hinkommen können.

Dort findet sich denn auch eine plastische, dreidimensionale Darstellung der überregional bekannten Sauschwänzlebahn:

Mittels in die Landschaft gelegte Schleifen, über riesige Stahl-Viadukte (teils in Fischbauch-Bauweise), durch einen Kehrtunnel (180 Grad) und den einzigen Kreiskehrtunnel Deutschlands (360 Grad) wird über (ganz viel) Strecke die Höhe mit maximalem Steigungsverhältnis von 1:98 überwunden (militärische Vorgabe aus dem 19. Jahrhundert).

Teile der Strecke bei Epfenhofen kann man unten im Foto erkennen:

Ich muß zugeben, selbst nach eingängigem, optischem Landschafts- und Trassen-Studium, bekomme ich nicht mal alle sichtbaren Abschnitte logisch zusammen.

Durch den Wald und dann zwischen Wiesen und Feldern hindurch geht es auf Randen zu, wo die stark (insbesondere von LKWs) befahrene B27 kaum zu queren ist. 

Zwischenzeitlich sehe ich mal fünf Weitwanderer im Rückspiegel, aber irgendwie holen die mich auch später bei Pausen nicht ein.

Am "Blauen Stein" beendet dagegen ein Fernwanderer just vor mir seine Pause und zieht weiter.

Bis auf 10 Meter werde ich ihm mal nahe kommen, aber erreichen werde ich ihn nicht: Vor Riedöschingen nimmt er eine Abkürzung in den Ort (während ich natürlich brav der Querweg-Markierung folge) und auf der anderen Talseite nimmt er einen früheren Weg steil bergauf gen Osten, so daß ich ihn nur nochmal aus der Ferne von hinten sehe.

Meine Route zieht einen weiten Bogen gen Süden, ebenfalls über den Hügel, durch ein weiteres Waldstück bis zu einem aussichtsreichen Mittagspausenplatz mit Blick ins Hegau mit seinen Vulkankegeln, die mich nun in Richtung Bodensee begleiten sollen. 

Mittendrin wechselt dann plötzlich die Art und Farbe der Wegweiser, die ich seit Pforzheim gewohnt war:

Ja, bin ich denn gar zu weit nach Süden abgekommen und in der Schweiz gelandet ?

Nein, das wohl nicht, aber in der Ferne (im Dunst) kann man vom Napoleonseck (obwohl Napoleon bei der Schlacht um Engen gar nicht zugegen war und sich dort nur das Kommando seines Heeres befand) erstmals den See sehen:

Auf dem alten Postweg geht es weiter durch Wiesen und Felder auf den letzten bewaldeten Hügel des Tages zu und hindurch bergab in die Stadt.

Im Quartier - dem Impuls-Haus - werde ich zwar nicht in persona aber doch sehr persönlich begrüßt, nachdem ich mir den Schlüssel am telefonisch abgesprochenen Versteck besorgt hatte:

Noch ein (letztes) kleines Rätsel für die Daheimgebliebenen:

Was ist die Vereinigung von Durchgangszimmer und Fedaiastausee ? 


Begegnungen:

- 1 Milan

- 1 pechschwarzes Eichhörnchen

- 2 Schafstelzen